Thesis
Die Geschichte der Informatik wird oft als Geschichte männlicher Genies erzählt – Turing, Jobs, Berners-Lee. Doch diese Narrative blenden eine zentrale Wahrheit aus: Frauen waren von Beginn an treibende Kräfte der digitalen Entwicklung. Sie prägten die Grundlagen der Computertechnik ebenso wie deren visuelle und ästhetische Vermittlung. Wie kommt es, dass Frauen einst im Mittelpunkt der digitalen Revolution standen und im Laufe der achtziger Jahre immer mehr von der Bildfläche verschwanden? Wie würde der digitale Kosmos aussehen, wenn Frauen weiterhin mitspracherecht gehabt hätten, in welche Richtung sich die Technologien entwickeln?
Manual Override (dt.: manueller Eingriff, manuelle Übersteuerung) beschreibt das manuelle Eingreifen in ein automatisiertes System oder einen automatisierten Prozess, ihn händisch zu steuern oder außer Kraft zu setzen. Wenn ein Fehler auftritt, kann so manuell interveniert werden.
Manual (dt.: Handbuch, Bedienungsanleitung) steht hierbei nicht nur für das Händische, Eingreifende, sondern auch für den Begriff der Anleitung oder des Handbuches. Diese hat vor allem in den ersten Schritten der Entwicklung von Computertechnologien eine große Rolle gespielt. Frauen waren diejenigen, die dafür verantwortlich waren die ersten maschinellen Computer in Bewegung zu setzen und zu programmieren. Die daraus resultierenden Dokumentationen, Programmieranleitungen und schriftlich festgehaltene Debugging-Protokolle waren daher essenziell.
Override (dt.: Überschreibung, Aufhebung) meint den Prozess des Intervenierens in den automatisierten Prozess des Kanons über die IT-Branche, im allgemeinen Konsens ist diese männlich geprägt.
Auch die Frage der Autor:innenschaft ist zentral: Wer wird als Schöpfer:in von Ideen anerkannt? Warum ging die Urheberschaft vieler Frauen in der Technikgeschichte an männliche Kollegen verloren oder wurde ihnen abgesprochen?
Diese Arbeit nimmt die historischen Entwicklungen der Informatik in den Blick, verknüpft sie mit Wellen des Feminismus und untersucht, wie Frauen das Feld der Computertechnologien mitgestaltet haben – und wie sie im Laufe der Zeit marginalisiert wurden.
Diese Arbeit versteht sich als bewusster Eingriff in das dominante Narrativ der Informatikgeschichte. Sie will die übersehene Leistung von Frauen sichtbar machen und neue Perspektiven eröffnen – aus der Sicht einer Designerin, die Technik, Gestaltung und Gesellschaft nicht als getrennte Sphären, sondern als eng verwoben versteht. Sie ist auf der Suche nach Vorbildern: Weibliche Stimmen der frühen Informatik und wie sie maßgeblich dazu beitrugen, Technologien für Grafikdesign und (Web)gestaltung zu formen.
Kapitel eins und zwei beleuchten die historische Entwicklung der frühen Informatik und Computertechnologie sowie die daraus entstandenen Möglichkeiten, Grafikdesign im digitalen Raum neu zu denken. Kapitel drei widmet sich den ethisch-politischen Dimensionen dieser Entwicklungen und fragt, wie Technologien Handlungsspielräume, Sichtbarkeit und Autor:innenschaft formen. Auf dieser Grundlage überträgt Kapitel vier die theoretischen Erkenntnisse in die Praxis und erläutert, wie sie in Buch- und Webform als Werkzeuge der Wissensvermittlung gestalterisch umgesetzt werden können. Manual Override zeigt, wie kreative Neugier und gestalterische Praxis dazu genutzt wird, um die Grenzen von Programmen und Systemen zu hinterfragen.