Ellen Pack

»It was much more of a positive place. It was not like we needed a protected island, it was like, holy crap, thereʼs so much we could do with this. Letʼs do this.«

Inmitten der digitalen Pionierzeit, als das Web noch ein wilder, vorläufiger Raum war – rauchende Modems, Kommandozeilen, Telnet-Adressen – trat Ellen Pack zusammen mit Nancy Rhine hervor, um eine Idee zu realisieren, die heute wie selbstverständlich klingt, damals aber kaum geahnt wurde: Frauen brauchen nicht nur Zugang zum Netz – sie brauchen Räume, in denen sie selbst gestalten, sich vernetzen und sichtbar werden können.

Sichtbarkeit schaffen im Netz
Bevor das Internet bunt wurde, bevor es Grafiken, Social Feeds oder Push-Benachritigungen gab, war es ein Ort für Eingeweihte: textbasiert, kantig, ein bisschen wie ein geheimer Hinterraum der digitalen Welt. In dieser Landschaft existierte The WELL – kurz für Whole Earth ’Lectronic Link – eine der ersten großen Online-Communities – ein digitales Wohnzimmer für Hacker:innen, Journalist:innen, Aktivist:innen und all jene, die früh an die Kraft vernetzter Kommunikation glaubten. Dort, in einem Frauenforum innerhalb dieses ansonsten stark männlich geprägten Raums, entsteht Anfang der 90er Jahre eine Idee, die größer ist als die kleine Ecke des Netzes, in der sie formuliert wird. Nancy Rhine schreibt irgendwann, fast beiläufig, dass sie sich einen Ort wünscht, an dem Frauen über ihre Themen sprechen können: Frauengesundheit, Finanzierung von Frauen geführten Unternehmen, Mutterschaft, Karriere – einfach alles. Ellen Pack liest das und in ihr entsteht eine Vision, die wenig später Gestalt annimmt.
Women’s WIRE – eine neue Idee von Online-Communities
1993 gründen Ellen Pack und Nancy Rhine Women’s ⌚WIRE – WIRE steht für Women’s Information Resource & Exchange. Es wird der erste kommerzielle Online-Dienst speziell für Frauen, lange bevor jemand das Wort Portal als Marke benutzt. Es war nicht einfach ein Netzwerk – es war der Versuch, das Netz selbst mitzugestalten: ein Ort nicht nur für Information, sondern für Austausch, Ermächtigung und Vernetzung. Woman’s WIRE ist zunächst über Telnet erreichbar, später über CompuServe: eine Mischung aus Nachrichtendienst, Community-Forum, Chat-Bereich und Wissensarchiv. Ein digitaler Ort, der – anders als viele frühe Netz-Ecken – nicht davon ausgeht, dass Frauen ein Fremdkörper im Technologie-Raum seien. Das Motto ist: »access information and resources instantly, discover new heroes, tell your stories, vent your frustrations, get advice, in short … get connected.« Was damals radikal wirkt, lässt sich heute in einem Satz zusammenfassen: Frauen sollten im Netz nicht bloß geduldet sein, sondern mitgemeint. Die Presse versteht das allerdings völlig falsch. Schon bald titeln Medien, Frauen wollten ein exklusives Online-Reich errichten und Männer ausschließen. Pack ist fassungslos. Das Projekt sei nie als Schutzwall gedacht gewesen. Nicht als Insel, nicht als Anti-Männer-Fort. Es sei vielmehr ein Raum für Möglichkeiten. Sie sagt: »Holy crap, there‘s so much we could do with this. Let‘s do this!«
Ein Ort zwischen Wissensarchiv und Lagerfeuer
Im Inneren des Projekts prallen zwei Vorstellungen davon aufeinander, was das Internet eigentlich ist. Rhine denkt das Netz als Community – als Gespräch, Austausch, als ein dauerhaftes Zusammensein. Pack hingegen denkt es stärker als Informationsraum, als Ressource, als Datenbank für Wissen und Expertise.Diese Spannung macht Women’s WIRE lebendig. Es ist ein Raum, in dem man sowohl Rat suchen als auch politische Aktionen planen kann. 1994 – Jahre vor Facebook–Protesten oder Online-Petitionen – mobilisieren zwei Nutzer:innen der Plattform eine Telefonaktion gegen einen Entwurf von Clintons Gesundheitsreform. Nach drei Tagen verkünden sie online: Es hat funktioniert. Women’s WIRE zeigt, dass digitale Vernetzung reale Wirkung haben kann.
Der große Sprung ins Web
1994 erscheint der erste benutzerfreundliche Web-Browser, Mosaic. Für Pack ist klar: Women’s WIRE muss ins World Wide Web. Das Netz wird größer, bunter, zugänglicher – und Pack will, dass Frauen diesen Übergang mitgehen. Doch der Schritt hat einen Preis – wortwörtlich: die Nutzung wird kostenpflichtig. Werbung kommt hinzu. Einige Community-Mitglieder gehen. Nancy Rhine selbst steigt aus, weil sie den Verlust der Intimität fürchtet. Pack bleibt – und versucht, die Vision in ein tragfähiges Geschäftsmodell zu übersetzen. Jahre später erinnern sich Ellen und ihre Kolleg:innen Marleen MacDaniel und Gina Garrubo daran, wie sie in Boston auf Banker trafen, die ihnen erklären wollten, dass Frauen Computer und das Internet nicht mögen würden. Pack und ihre Kolleg:innen können darüber nur lachen – später, auf der Straße vor der Bank, weit weg vom Konferenzraum voller Power-Ties.
Vom Aufbruch zum Mainstream – und der leise Verlust von Tiefe
Ende der 90er werden Frauen Communities immer größer. iVillage – Packs größte Konkurrenz – geht an die Börse, Women’s WIRE wird zu Women.com, Investorengeld fließt. Doch mit jedem Werbedeal, jeder Reichweitenstrategie wird der Raum ein Stück glatter, gefälliger. Die einst rebellische Idee, Frauen eine digitale Heimat zu bieten, wird zum Marktsegment. Statt Community-Debatten dominieren nun Beauty-Tipps und Shopping-Links. Die Plattformen, die einst Selbstermächtigung versprachen, beginnen sich den Logiken des Kapitalismus zu beugen. Und doch ist es zu einfach, die Geschichte so zu lesen, als sei die Idee gescheitert.
Was bleibt: ein Möglichkeitsraum, den FLINTA heute selbstverständlich betreten
Der entscheidende Impuls von Ellen Pack liegt nicht in einem Produkt, sondern in einer Geste der Öffnung. Women’s WIRE war einer der ersten Orte, an denen Frauen selbstverständlich online sein konnten – klug, neugierig, politisch, wütend, solidarisch. Es war ein Raum, der sagte: Du musst dich nicht entschuldigen, dass du hier bist. Du musst dich nicht rechtfertigen, dass du etwas wissen willst. Du musst dich nicht kleiner machen, um dazu zu gehören. Und vielleicht ist das der stillste, aber nachhaltigste Einfluss von Ellen Pack: Sie hat gezeigt, wie sich digitale Räume gestalten lassen, bevor Algorithmen, Plattform-Logiken und Zielgruppenprofile sie einfingen. Sie hat Frauen ins Netz geführt, lange bevor sie selbstverständlich online waren. Und sie hat damit einen Funken gelegt, der noch heute in unzähligen Foren, Magazinen, und Initiativen weiter glimmt: den Glauben, dass Vernetzung ein Werkzeug der Befreiung sein kann.